Der virtuelle Schlosspark – Konzeption eines interdisziplinären Informationssystems für Forschung und Vermittlung

DER VIRTUELLE SCHLOSSPARK
Konzeption eines interdisziplinären Informationssystems für Forschung und Vermittlung

Projekt

Gartendenkmale im 21. Jh. fordern für Forschung und Vermittlung neue Konzepte. Besonders Wissenschaftler suchen nach neuen Werkzeugen zur Visualisierung und Analyse der umfangreichen Materialien, die über die je-weiligen Gartenanlagen verfügbar sind. Auch die Besucher wollen die digitalen Möglichkeiten ihrer mitgeführten mobilen Endgeräte für die Informationen in den historischen Parkanlagen nutzen. In Kooperation mit der Gartendirektion der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) wurde 2016, im Rahmen einer im Masterstudiengang Denkmalpflege an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg angefertigten Masterarbeit, der Frage nachgegangen, wie zukünftige Vermittlungskonzepte, von denen auch die Forschung partizipieren kann, in der Gartendenkmalpflege mit Zuhilfenahme der neuen Technologien aussehen könnten. Daraus resultierend wurde ein Konzept für ein interdisziplinäres Informationssystem für Forschung und Vermittlung entwickelt, welches die üblichen Bestandteile einer Gartenanlage, wie Bauten, Partien, Pflanzungen, Garteninstallationen, usw., vereint und diese dem Anwender nach Bedarf visualisiert. Insbesondere sollten die Veränderungen in der Bepflanzung und Erweiterungen der Anlage in einem virtuellen Modell ersichtlich und mögliche Datenquellen, wie z.B. Pläne, Kartierungen, Bestandslisten, Messwerte aus verschiedenen Bereichen, Akten, Archivalien, Entwurfszeichnungen, Fotografien, usw., eingebunden werden. Hierbei wurden auch die Positionen und Standards unterschiedlichster Nutzergruppen, verschiedene Vermittlungskonzepte sowie geeignete Visualisierungsmethoden entwickelt und berücksichtigt.

Exemplarisch wird dies am Schlosspark Glienicke in Berlin gezeigt. Die 150 ha große Parkanlage mit historischen Bauten, Partien und Garteninstallationen ist seit 1990 ein Teil des eingetragenen Welterbes “Schlösser und Parks von Potsdam und Berlin”. Durch die stetige Wandlung vor allem im 19. Jh. weist die Parkanlage Glienicke eine umfangreiche Entwicklungs- und Erweiterungsgeschichte auf, welche durch eine gute Quellenlage bereits umfangreich erforscht werden konnte.

Konzept

Das in der genannten Mastarbeit entwickelte Konzept sieht vor, ein Datenbanksystem als zentralen Speicher einzurichten, der alle Materialien und Datensätze zu der jeweiligen Parkanlage bzw. Gartendenkmal bündelt. Alle Datenbestände sind mit XML-Metadaten und Vokabularen versehen, die eine Verknüpfung untereinander erlauben. Hierbei werden, sofern möglich, standardisierte Datenmodelle eingesetzt und entsprechend erweitert. Über einen Webservice (REST-API und WMS-Schnittstelle) kann auf diesen Bestand, je nach Nutzungsrechten zugegriffen werden. Durch die zentrale Datenspeicherung können Änderungen sofort an die Client-Systeme übertragen werden. Ebenso ist ein zentral gesteuerter und automatisierter Export zu Europeana und der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) möglich.

1 Schematischer Aufbau der Systemarchitektur. Hunziker 2017.

Angedacht sind zunächst zwei Client-Systeme zur Visualisierung. Zum einen ein Portal mit 2D- und 3D-Ansichten der jeweiligen Gartenanlage. In diesen kann der Benutzer nach Archivalien suchen, aber auch interaktiv über Marker auf der Karte zugreifen. Ebenfalls können die verschiedenen historischen Pläne und Grundrisse der Gebäude betrachtet werden. Über Bedienelemente ist es möglich zwischen den verschiedenen Anzeigen zu wechseln, Planmaterial ein- bzw. auszublenden und durch Planphasen zu navigieren. Ergänzt wird die Darstellung in einem 3D-Modus mit weiteren Modellen der wichtigsten Garteninstallationen und Gebäuden. In dieser kann sich der Nutzer verschiedene Zeitphasen der Bauwerke (inkl. Rekonstruktionen), der Bepflanzungen und Gartenanlage auch in 3D anschauen und mit diesen interagieren. Durch die Auswahl eines Objektes werden Hintergrundinformationen und passende Daten hierzu angezeigt.

2 Mockup: 2D-Ansicht mit Markern, Satellitenbild und Detailansicht zur Löwenfontäne. Hunziker 2017.
3 Mockup: 2D-Ansicht mit Markern, historischer Karte und Detailansicht zur Löwenfontäne sowie der dazugehörigen Archivalie. Hunziker 2017.
4 Mockup: 3D-Ansicht mit Markern, Satellitenbild und Detailansicht zum Schloss. Hunziker 2017.

Das zweite Client-System stellt in der mobilen Anwendung für den Besucher die Navigation in der Gartenanlage und alle grundlegenden Informationen, wie in einem Guide, bereit. Besonders spannend ist hierbei der geplante Einsatz von Augmented Reality-Funktionen mit denen rekonstruierte Gebäudefassaden, abgegangene Bauten und Gartengestaltungen wieder virtuell entstehen können. Ebenso sind Überblendungen zwischen aktuellem Kamerabild und historischer Ansicht möglich.

5 Mockup: Augmented Reality. Einblenden von Informationen über das Kamerabild. Hunziker 2017.
6 Mockup: Augmented Reality. Überlagerung von Kamerabild mit historischer Ansicht. Hunziker 2017.

Neben den primär auf den Besucher ausgerichteten Client-Anwendungen können ebenso weiterführende wissenschaftliche Anwendungen bzw. Visualisierungen auf derselben Datenbasis entwickelt oder in das Modell integriert werden. Auch sind der Einsatz von Sprachassistenten, VR-Modellen und holgraphische Darstellung von Einzelobjekten oder Parkmodellen über die API möglich.

Bewertung

Die im Konzept vorgestellte Plattform liefert im Einsatz langfristig einen Mehrwert für Forschungsvorhaben und Besucher. Zudem ist die Kombination aus Parkerlebnis und Multimediaanwendungen auch aus marketingtechnischer Sicht vielversprechend und könnte weitere Besuchergruppen erschließen. Das Konzept eines interdisziplinären Informationssystems ist nicht an ein bestimmtes Garten-denkmal gebunden. Es kann jederzeit als Referenz auch für andere Gartenanlagen und Institutionen im Umgang mit unterschiedlichsten Nutzeransprüchen sowie einer Vielzahl an Daten und Archivalien dienen.

 

Kontakt:
Manuel Johannes Hunziker, M.Sc. M.A.
manuel.hunziker@uni-bamberg.de

Otto Friedrich Universität Bamberg,
Kompetenzzentrum Denkmalwissenschaften und Denkmaltechnologien,
Tel. +49(0)951-863-1610
https://www.uni-bamberg.de/kdwt/